Systemische Führung – Führen in komplexen Systemen des 21. Jahrhunderts


Autoritärer Führungsstil, kooperativer Führungsstil, laissez-faire-Führungsstil, situatives Führen oder transaktionale und transformationale Führung brachten nicht den erwünschten Erfolg – was sich in in zahlreichen evaluativen Metastudien zeigte.

Einen ganz anderen Ansatz als die bisherigen von amerikanischen Forschungsergebnissen geprägten Theorien und Modelle, geht ein seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum entwickelter Ansatz von Führungstheorien, die sich nicht mehr nur auf die Führungskraft und ihr Verhalten beziehen, sondern versuchen, die Organisation als Ganzes, als System zu erfassen. Systemische Ansätze unterscheiden sich grundlegend von klassischen Managementkonzepten, in denen postuliert wird, dass Führungskräfte das Geschehen in Organisationen zielgerichtet „von oben“ und aktiv steuern könnten.

Organisation als soziales System

Systemische Ansätze der Führung zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Organisation als soziales System betrachten, das sich durch Selbstorganisation – Autopoiesis – selbst reguliert und nicht von außen direkt steuerbar ist. Der Undurchschaubarkeit und Unberechenbarkeit von Organisationen wird Rechnung getragen. Führung bedeutet in diesen Modellen, steuerbaren Einfluss auf nicht steuerbare Systeme auszuüben, indem entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Eigendynamik des Systems zu nutzen.
Die Grundlage der systemischen Ansätze bildet die Systemtheorie Niklas Luhmanns:

Leitdifferenzen der Systemtheorie

1. Teil – Ganzes: Jedes System ist ein Ganzes, seine einzelnen Elemente sind auf charakteristische Weise miteinander vernetzt und verbunden. Das Ganze ist somit mehr als die Summe seiner Teile. Es gibt Eigenschaften des Systems, die auch durch Kenntnis der einzelnen Elemente nicht vorhersehbar sind.
2. System – Umwelt: Jedes System mit eigener Organisation und Struktur ist von seiner Umwelt abgegrenzt, es besteht aber eine Anpassungs- und Austauschbeziehung mit dieser Umwelt.
3. Identität – Differenz: Geschlossene Systeme heben sich durch Grenzziehung von ihrer Umwelt ab. Durch diese Grenzziehung wird Identität hergestellt. Solche Systeme sind nicht direktiv von außen steuerbar, Inputs jeglicher Art werden nach der eigenen Gesetzmäßigkeit des Systems (Selbstorganisation – Autopoiese) verarbeitet.

Akausales Denken in der Systemtheorie

Sichtweise und Denkinstrumente der Systemtheorie decken sich selten mit dem gewohnten Verständnis kausalen Denkens, was nicht wundert, da komplexe Systeme von den vielfältigen Handlungen, Motiven, Emotionen, Befindlichkeiten, vergangenen und derzeitigen Beziehungen etc. ihrer einzelnen (Teil)Systeme und Akteure, die ihrerseits wiederum zirkuläre Prozesse bei anderen Akteuren und (Teil)Systemen auslösen, entscheidend mitgeprägt und gesteuert werden. Dass Menschen dabei zumeist nicht logisch, sondern psycho-logisch empfinden und agieren, trägt zur Akausalität des Outputs eines (Teil-)Systems in entscheidender Weise bei.

Führung als Identifikation von sozialen Beziehungen & Intervention zur Selbstorganisation

Systemische Führung berücksichtigt im Sinne des systemischen Ansatzes ganzheitlich alle Interaktionen zwischen Führungskräften, Mitarbeitern, Kollegen, Kunden, Lieferanten, Investoren, Markt, Gesellschaft, Kultur und Umwelt und trägt somit auch der Erfüllung der Erwartungen eines Gemeinschaftsgefühls gegenüber der Weltgemeinschaft Rechnung.

Die Führungskraft orientiert sich daher beobachtend an autonomen, verstreuten, selbständigen, selbstorganisierten Subsystemen, identifiziert die Beziehungen, Erwartungen, Kommunikationen und Rückkoppelungen dieser untereinander und interveniert gezielt in Richtung einer gewünschten Selbstorganisation des Subsystems.

Kommunikation als Basiselement von Organisation und Führung von innen

Basiselement der Organisation ist die Kommunikation, die nicht Reaktion auf äussere Ereignisse, sondern Reaktion auf Kommunikation ist – die Bedingungen für die Steuerung des Systems liegen im System selbst und es können keine allgemeingültigen Interventionstechniken formuliert werden. Da die Führungskraft jedoch Teil des Systems ist, konstruiert sie auf diese Weise die Organisation mit.

Erfolgreich Führen

Gute Führung entsteht durch das gekonnte Managen von Beziehungen im Spannungsfeld der drei Einflussgrößen: Persönlichkeit der Führungskraft, Mitarbeiter und Organisation.

Wirksame und beziehungsorientierte Führung ist daher mehr als eine Zusammenstellung von Werkzeugen, Grundsätzen und Regeln oder ein Führungsstil – es ist ein Lebensstil und eine Haltung, die nur durch u.a. konsequente Weiterentwicklung der Persönlichkeit, permanente Selbst- und Fremdreflektion und Entwicklung des eigenen Bewusstseins ‚erlernbar‘ ist. Systemisches und akausales Denken, Kenntnis psychologischer Mechanismen, kommunikative Kompetenz und die Fähigkeit zu erfolgreichem Beziehungsmanagement sind unverzichtbar für eine erfolgreiche Führungskraft in den komplexen Systemen des 21. Jahrunderts.

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